TNS Infratest Trendletter

Ein Informationsdienst zum Meinungsbild in Deutschland

 

Die aktuelle politische Stimmung in Deutschland

 

 

Ihre Ansprechpartner:  

April 2001

     
Infratest dimap
Roberto Heinrich
Moosdorfstraße 7-9
12435 Berlin
t 030 53322 - 153
e   roberto.heinrich@tns-infratest.com
TNS Infratest
Martin Kögel
Landsberger Straße 338
80687 München
t 089 5600 - 1406
e   martin.koegel@tns-infratest.com
 

 

 

Tierseuchen bleiben Thema Nummer Eins

Seit den ersten BSE-Fällen auf deutschen Höfen zu Jahresbeginn bilden Tier-Seuchen das Thema, das die Gemüter der Deutschen mit Abstand am stärksten bewegt. Hieran hat sich auch bis heute im Prinzip nichts geändert. Gefragt nach den Themen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die sie aktuell persönlich am meisten beschäftigen, nennen im April drei von zehn (28 Prozent) die Gefahr durch Tierkrankheiten. Allerdings ist die aktuelle Besorgtheit der Deutschen nicht mehr mit der am Jahresanfang vergleichbar. Auch wenn mit dem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in den europäischen Nachbarstaaten ein neuer Virus-Herd die deutsche Landwirtschaft bedroht, ziehen Tierkrankheiten mittlerweile deutlich weniger Aufmerksamkeit (-13) auf sich als noch vor drei Monaten.

 

Eine sichtbar größere Beachtung als zum Jahresbeginn schenken die Deutschen im April dagegen wieder der Arbeitsmarktproblematik. Vor dem Hintergrund der sich abschwächenden Konjunktur und der jüngsten Forderung des Bundeskanzlers, mehr Druck auf arbeitsunwillige Arbeitslose auszuüben, landet die Arbeitslosigkeit mit 11 Prozent der Nennungen (+8) auf dem zweiten Platz. Auf der Themen-Agenda des Ostens steht die Arbeitslosigkeit sogar ganz oben: Jede fünfte Nennung (20 Prozent) der Ostdeutschen betrifft das Thema Arbeitslosigkeit und Arbeitsmarkt.

 

Als Thema neu hinzugekommen sind im April die Castor-Transporte. Der jüngste Transport von Frankreich in das Zwischenlager Gorleben und die mit ihm verbundenen Proteste waren für 7 Prozent der Deutschen das bedeutsamste Thema der vergangenen Tage. Genauso viele Nennungen entfallen auf die Rente und die Altersvorsorge. Der innenpolitische Druck, in den die rot-grüne Bundesregierung Ende letzten Jahres im Zusammenhang mit der Diskussion um die Rentenreform geraten war, hat damit deutlich nachgelassen. Noch im letzten November war die Rente mit 25 Prozent der Nennungen das Top-Thema der Deutschen. Am Ende der relevanten Themen steht im April mit dem Nahost-Konflikt ein außenpolitisches Thema. Die eskalierende Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern bewegt mittlerweile 5 Prozent der Deutschen, gegenüber Januar ein Plus von zwei Prozentpunkten.

 

Stolz auf Deutschland - für die Mehrheit der Deutschen unproblematisch

Die Äußerung des CDU-Generalsekretärs Laurenz Meyer, er sei stolz ein Deutscher zu sein, und der daraufhin von Bundesumweltminister Jürgen Trittin angestellte Vergleich von Meyer mit einem Skinhead haben vor wenigen Wochen in Deutschland eine heftige Diskussion über Patriotismus und Nationalstolz entfacht. Für die große Mehrheit der Deutschen in Ost und West steht außer Frage, dass man als Deutscher stolz auf dieses Land sein kann: Drei Viertel der Deutschen (73 Prozent) vertreten die Meinung, man könne stolz auf Deutschland sein und dies habe nichts mit Nationalismus zu tun. Nur jeder fünfte Deutsche (22 Prozent) wertet die Aussage „Ich bin stolz auf dieses Land“ als Ausdruck eines überholten Nationalismus. Die eindeutigste Position vertreten die Anhänger der Union, von denen sich 84 Prozent die Ansicht von Laurenz Meyer zu eigen machen. Die Anhänger der Grünen sind dagegen in dieser Frage sichtbar gespalten: Für 45 Prozent ist die Aussage „Ich bin als Deutscher stolz auf dieses Land“ nationalistisch, genau so viele Anhänger der Grünen haben mit dieser Aussage dagegen keine Probleme. Auch wenn die Mehrheit der Deutschen stolz auf ihr Land ist, die Zweifel an einem kollektiven Nationalstolz haben in den letzten Jahren erkennbar zugenommen: In einer vergleichbaren Sudie vor zehn Jahen wertete in etwa jeder achte Westdeutsche (13 Prozent) Nationalstolz als Zeichen eines überholten Nationalismus, 13 Jahre später kommt in den alten Bundesländern jeder fünfte Bürger (20 Prozent) zu diesem Schluss.

 

Auf die Frage, worauf man alles stolz sein kann, nennen die Deutschen vor allem konkrete Leistungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. 34 Prozent der Begründungen verweisen auf den Wohlstand bzw. die soziale Sicherheit, die Wirtschaft allgemein oder die Wertarbeit. Das heutige politische System und kulturelle Argumente sind nach Ansicht der Bundesbürger mit jeweils 17 bzw. 16 Prozent der Nennungen der zweitwichtigste Grund, auf Deutschland stolz zu sein. 14 Prozent der Begründungen beziehen sich auf charakteristisch empfundene Eigenschaften der Bevölkerung wie Fleiß und Zuverlässigkeit, 10 Prozent der Nennungen betreffen die Nationalität bzw. das Vaterland. 14 Prozent sagen spontan, auf gar nichts stolz zu sein.

 

Das besondere Gewicht eines wirtschaftlich begründeten Nationalstolzes besteht allerdings nur in den alten Bundesländern. Ostdeutsche benennen mit 25 Prozent wirtschaftliche Gründe wesentlich seltener als Westdeutsche (37 Prozent). Deutlich häufiger finden die Ostdeutschen dagegen kulturelle Erklärungen: 24 Prozent der Begründungen in den neuen Bundesländern entfallen auf Kultur, Sprache, Geschichte, Wissenschaft und Sport, in den alten Bundesländern sind es nur 16 Prozent. Eine weitere ostdeutsche Besonderheit besteht in der vergleichsweise geringen Bedeutung, die das politische System für das nationale Selbstbewusstsein der Bürger in den neuen Bundesländern spielt: Anders als im Westen, wo politische Faktoren den zweitwichtigsten Faktor stellen (17 Prozent), landen politische Begründungen in den neuen Bundesländern mit 13 Prozent der Nennungen lediglich an dritter Stelle.